Stories

Die GemüseheldInnen

Juliane, Mitgründerin der GemüseheldInnen FRankfurt

Vom Willen zur Vision

In der Grünen Lunge, am Kopf des weitläufigen Günthersburgpark, warten Frauen und Männer entspannt vor einer Reihe schlanker Beete. Ein Hund sitzt gemütlich im Schatten. Der Wind ist weich und leicht, die Aprilsonne zeigt sich fürsorglich. Einer der GemüseheldInnen wird gleich einen kleinen Vortrag halten, andere warten auf Instruktionen. „Samstags treffen wir uns immer zum gemeinschaftlichen Gärtnern“, erklärt Juliane Ranck. Sie ist gemeinsam mit ihrer Frau Laura Setzer Initiatorin des Projekts „Gemüseheldinnen Frankfurt“. 2019 starteten sie das Projekt, zunächst nur mit dem Wunsch und dem Willen, etwas gegen die Klimakrise zu tun. Etwas Konkretes, etwas Lokales außerdem. Zwei Jahre später hat sich dieser Drang zu einer kleinen Bewegung ausgeweitet. Einer Bewegung mit Vision.

Viele Jahre war die so genannte Grüne Lunge nur ein 16 Hektar großer Bereich mit unzähligen Schrebergärten zwischen der mehrspurigen Friedberger Landstraße und der Dorteweiler Straße im Norden Frankfurts; das Netz aus unzähligen Gärten schlummerte unter meterhohen Laub- und Nadelbäumen. Einige Gärten wurden bewirtschaftet, andere der Natur überlassen, als Ganzes aber hatte dieser Teil der Stadt schon lange eine wichtige Funktion, sorgt er doch für Kühlung und bringt als eine Art Kaltluftschneise frische Luft in die Stadt, daher auch der Name „Grüne Lunge“.

Der Market Garden liegt am Eingang der Grünen Lunge, oberhalb des Günthersburgpark und gegenüber des Abenteuerspielplatzes.

Hunger nach Veränderung: Die Geburt der GemüseheldInnen

„Uns ist auf einem Spaziergang aufgefallen, dass manche Gärten ungenutzt und teils stark vermüllt waren, also haben wir einfach einen Garten besetzt und zu gärtnern begonnen“, erzählt Juliane. Dann besetzten sie zwei weitere Gärten, bald darauf bot ihnen eine Gartenbesitzerin ihren Garten zur Nutzung an. „Wenig später stellten wir uns der Umweltdezernentin (Rosemarie Heilig, Bündnis 90/ Die Grünen) vor, und sie sicherte uns ihre Unterstützung zu“, führt Juliane aus. Und damit waren die GemüseheldInnen ganz offiziell am Start. Insgesamt 50 Tonnen Müll haben sie in den letzten beiden Jahren gemeinsam mit der FES aus den Gärten geschafft.

Im Frühjahr 2021 bewirtschaften 150 GemüseheldInnen 13 Gärten in der Grünen Lunge und sie alle tragen Namen. Gut sichtbar im Eingangsbereich befindet sich der Market Garden, der jüngste und sonnigste Garten der GemüseheldInnen. Sein Name verweist auf die Bewirtschaftungsart: das Market Gardening, ein Mikro-Farming-Prinzip, das in Kanada von Jean-Martin Fortier geprägt wurde.

Der Fliedergarten war der erste Garten, den die GemüseheldInnen in der Frankfurter Grünen Lunge bewirtschafteten. In den kommenden Monaten werden hier unterschiedliche Gemüsesorten geerntet werden können.

75 Zentimeter breit sind die Beete, alle sind gleich lang, und sie bestehen vollständig aus Kompost. Die Wege dazwischen sind exakt 40 Zentimeter breit. Aktuell wachsen hier Möhren und Zwiebeln, Asia Salate, Radieschen, Kopfsalate, Kohlrabi sowie verschiedene Kohlsorten dicht an dicht. „Diese Beete werden das ganze Jahr über genutzt, endet die Saison für bestimmte Gemüsesorten, werden sofort neue angepflanzt“, erläutert Juliane. Was, wann und wo angebaut wird, steht in dem Anbauplan, der an der Schrebergarten-Häuschen-Wand im Market Garden hängt.

Unterschiedliche Gartennamen, unterschiedliche Konzepte

Im Sonnengarten, dem ehemals sonnigsten Garten der GemüseheldInnen, sind die Beete strahlenförmig angelegt: „Das ist ein so genanntes Mandalabeet, es sticht durch seine Schönheit hervor. Es geht aber auch zurück auf eine uralte Tradition.“ Im gleichen Garten finden sich Kräuterspirale und Sonnenfalle: ein mit einer Mauer umfasstes Beet, das die Wärme besonders gut speichert und für ein günstiges Mikroklima sorgt. Im hinteren Bereich des schlauchförmigen Gartens gluckst und plätschert es leise: Hier liegt ein kleines Feuchtbiotop mit 300 Teichpflanzen. Molche sind hier inzwischen auch Zuhause, und wer ein wenig ausruhen mag, sich an der Stille erfreuen, macht das auf einer aus Holzresten gezimmerten Bank. „All das hier einfach nur genießen“, sagt Juliane lächelnd, „das geht immer“.

Feuchtbiotop der Gemüseheldinnen Frankfurt
Das frischangelegte Feuchtbiotop mit unzähligen Teichpflanzen dient auch Vögeln und Insekten als Wasserquelle.

Im Mirabellengarten herrscht an diesem sonnigen Samstag Arbeitsatmosphäre: Vor dem kleinen Häuschen werkeln mehrere GemüseheldInnen; Oliver, eigentlich Musiker, ist Wurmexperte und schaut gemeinsam mit Frederike nach dem Wurmkompost. Der Dauerhumus, den die Würmer produzieren, sei sehr gut für die Erde, erklärt er. Oliver ist Gartenverantwortlicher für den Mirabellengarten; jeder Garten wird von einem Team bestehend aus 10 bis 20 GemüseheldInnen bewirtschaftet. Die Garten-Teams organisieren sich selbst und entscheiden auch, was angebaut werden soll. Gegossen wird im Wechsel, dafür gibt es einen Gießplan. Ernten kann aber jeder Gemüseheld und jede Gemüseheldin in allen Gärten.

Zusammen gärtnern, essen, entscheiden: Die Gemeinschaft der GemüseheldInnen

Im Wiesengarten ist Chris die Koordinatorin. Die studierte Biologin, Botanikerin und Künstlerin baut hier mit dem Team Wildkräuter, Wildgemüse und Heilpflanzen an. Außerdem wird eine Wildwiese angelegt, die Nahrung für Insekten bieten soll. „Hier ist die Idee, Gewächse anzubauen, die weniger bekannt sind. Die Brennnessel etwa esse ich wie Spinat. Ebenso darf der Giersch hier sein, die Pflanze ist für mich eine Delikatesse, die wie Petersilie schmeckt, von Gärtnern wird sie aber häufig als Gartenschreck bezeichnet“, erläutert Chris. „Chris ist unsere einzige Frau vom Fach“, scherzt Juliane. „Alle Mitglieder bringen unterschiedliches Wissen ein und das macht es so spannend, weil hier ganz viel Expertise aus unterschiedlichen Bereichen zusammenkommt“, klärt die Botanikerin Chris auf. Expertise und Lust, etwas zu bewegen. In den Gärten der GemüseheldInnen darf deshalb auch experimentiert werden, denn nur so gewinne man neue Erkenntnisse, außerdem mache es Spaß.

Eine alte Wanne dient als „Wurmfarm“: Die Würmer produzieren Dauerhumus aus den Baum- und Gemüseresten. Das Bild zeigt Frederike Guggemos, sie gehört zum siebenköpfigen Orgateam und sammelt hier Würmer ein.

Der Ort, an dem sich alle GemüseheldInnen ein Mal im Monat treffen, ist der Werklaborgarten. Er ist besonders weitläufig und hat sogar eine Außenküche, hier wird gemeinsam gekocht und hier wird auch das Plenum abgehalten. Heute aber ist das Tor verschlossen. Den Hut hat eine Künstlerin auf, die hier außerdem gemeinsam mit Studierenden Kunstprojekte durchführt. Der Ernährungsrat-Garten dagegen ist auch eine Art Schaugarten: Er wurde vom Arbeitskreis „PermaKulturInseln“ gestaltet, „Die PermaKulturInseln sind unser zweites großes Ziel“, erklärt Juliane. „Wir möchten in ganz Frankfurt essbare Inseln schaffen. Am liebsten an jeder Straßenecke“. Vier Inseln gibt es schon, zwei PermaKulturInseln finden sich neuerdings auf den Uni-Campus Westend und auf dem Riedberg. Auf den PermaKulturInseln werden verschiedene Elemente eingesetzt, die zur jeweiligen Lage passen: Das können Obstbäume sein, Sträucher und Gemüsebeete, aber ebenso Totholzecken für Insekten und Vögel.

Mit jedem Spartenstich dem Ziel näher: Der PermaKulturGarten 2025

Und das zweite Ziel? Die Grüne Lunge soll sich für alle Bürgerinnen und Bürger Frankfurts öffnen. Bis vor Kurzem nämlich war sie vor Bebauung bedroht. Die Zukunftsvision: Der PermaKulturGarten 2025. Die Entwürfe dazu erinnern ein wenig an ein Paradies mit Dorf-Charakter: Ein Café etwa am Gartenrand soll Produkte aus der Grünen Lunge anbieten. Alte Haustierrassen sollen hier leben, Schafe und Hühner etwa, und darüber werden sich definitiv die Kinder des Waldkindergartens freuen, der hier ebenfalls geplant ist. Und auch Schülerinnen und Schüler sollen Teil sein des PermaKulturGartens: für sie wird dann ein Schulgaten angelegt. Für Künstler werden Gartenateliers bereitstehen und natürlich soll es weiterhin Gemeinschaftsgärten geben, in denen gemeinsam gejätet, gepflanzt, gewerkelt wird – und all das unter den hohen Bäumen, im ausgedrehnten Grün mitten in der Stadt.

Jungpflanzen der Gemüseheldinnenn
Im frühen Mai pflanzten die GemüseheldInnen über 5000 Jungpflanzen ein. gezüchtete wurden sie in der Schlockerhof Gärtnerei in Goldstein. Einzelne Sorten ziehen die GemüseheldInnen aber auch selbst.

Wenn Juliane sieht, was sie gemeinsam mit ihrer Frau Laura und all den anderen GemüseheldInnen auf die Beine gestellt hat, reibt sie sich die Augen. „Das ist das reine Glück, wie viele Leute hier Spaß haben“, sagt sie in stiller Freude. Und es werden immer mehr; längst haben die GemüseheldInnen eine Warteliste. Wird ein neuer Garten gepachtet, findet sich das Team über die Facebook-Community oder die Warteliste. „Als wir den letzten Aufruf für ein neues Gartenteam gepostet haben, war das Team innerhalb von vier Stunden komplett“, erzählt Juliane.

Wieso ist das so? Woher kommt diese große Lust, sich anstrengen zu wollen für seine Nahrung? In der Erde zu buddeln, den Spaten zu schwingen, die Gießkanne durch die Gegend zu schleppen? Woher kommt diese Sehnsucht nach mehr Naturnähe und nach „Bodenhaftung“ von immer mehr Menschen?

Portrait der Gründerin der GemüseheldInnen Frankfurt, Juliane Ranck.
Unzählige Salate, Kräuter, aber auch Auberginen, Tomaten und Obst: Die Gärten der GemüseheldInnen bieten in den warmen Monaten eine große Ausahl. Wer einfach nur die Gemeinschaft genießen möchte, kann das aber auch in allen der 13 Gärten.


// Die GemüseheldInnen und der Ernährungsrat Frankfurt werden getragen vom Verein BIONALES e.V. – Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung. Sein Ziel: Die Stadt und ihr umgebendes Land zukunftsfähig miteinander verbinden und eine Ernährungswende hin zu einer lokalen, biologischen Versorgung der StadtbürgerInnen erreichen.
https://buerger-fuer-regionale-landwirtschaft.de/

// Das Historische Museum zeigt aktuell die Schau „Gärtnern jetzt“. In diesem Rahmen ist auch ein 3D Modell von der PermaKulturInseln zu sehen. Der Entwurf zum PermaKulturGarten 2025 der Gemüseheldinnen kann auf ihrer Website angesehen werden.