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Re-Think, Re-Make, Re-Love

Zu Besuch im Atelier des Künstlers Markus Friedrich Staab.

Die Objekte des Künstlers Markus Friedrich Staab

Man kann wohl getrost behaupten, dass Markus Friedrich Staab gerne Vorhandenes nutzt, um daraus etwas Neues zu erschaffen. Dass dies ein Muster ist, vielleicht sogar ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich als Ader durch sein Leben schlängelt. Bekannt wurde er in den frühen achtziger Jahren jedenfalls nicht mit seiner Rockabilly Band „Blue Moon Boys“, mit der er durch das Nachtleben zog, von Gig zu Gig. Schon eher verbunden ist sein Name mit Sydney Youngblood und dessen Hit „If only I could“; an dem nämlich hat Staab maßgeblich mitgewirkt.

Wirklich bekannt wurde Staab gemeinsam mit Ralf Hamm und Claus Zundel mit Projekten wie „B-Tribe“ oder „Sacred Spirit.“ Das Lied „Fiesta Fatal“ etwa avancierte 1993 zum Hit in Europa. Das Besondere an allen Projekten: Die Stücke sind gesampelt: Bei „B-Tribe“ etwa werden Elemente der klassischen spanischen Gitarre mit anderen Elementen wie Flamenco Musik vermischt, und nicht anders ist das bei „Sacred Spirit“: Das erste Album „Chants and Dances of Native Americans“ kam 1994 heraus und wurde als bestes New Age Album beim Grammy Award nominiert. Die Stücke sampeln Lieder der Navajo, Pueblo und Sioux Stämme mit Synthesizer Backings in Kombination mit traditionellen Trommeln und elektronischen Dance Beats. Die Single „Yeaha-Noha“ etwa stand sechs Wochen in den französischen Charts und auch in den Staaten schafften es einige der Stücke in die Top 20.

Re-Make: Musik, Plakate, Möbel

Der Hang, Vorhandenes zu nutzen und neu miteinander zu kombinieren, bleibt bei Markus Friedrich Staab aber nicht auf die Musik beschränkt, er verfährt auch bei Kunst-Objekten nicht anders, heute gut 30 Jahre später. Die Musik hat er hinter sich gelassen, lange schon. Er hört sie noch, ja, sehr gerne sogar. Doch er produziert sie nicht mehr. Er malt auch nur noch wenig, denn das tat er damals, zwischen den Gigs; malte stur Königinnen und Könige, denn das sind Menschen doch in seinen Augen: die Königinnen und Könige ihres Lebens.

Die Vergangeheit, die Gegenwart. Der Stuhl: ein Thron. Der Mensch: König, Könnigin seines, ihres Lebens.

Und diese Bilder stellte er immer wieder auch aus. Nimmt Markus Friedrich Staab heute einen Pinsel in die Hand oder eine Spray-Dose, dann um Objekte damit zu behandeln, Stühle vor allem. Zur Objekt-Kunst kam der Künstler vor rund 10 Jahren: Damals sah er einen hübschen Stuhl auf der Straße, nahm ihn mit und bearbeitete ihn. In den folgenden Monaten sah er weitere Stühle und nahm sie jeweils mit. So wurde aus einem Impuls ein Projekt und an diesem Projekt arbeitet er seitdem.

Bemalt, getaped, neu inszeniert: Ein 50er Jahre Stuhl aus Markus Friedrich Staabs Kollektion in seinem Frankfurter Atelier.
 

Der Stuhl als Kunst-Objekt

Was er da tut mit den Stühlen und Bänken, manchmal auch mit Sideboards oder Tischen, könnte man auch als Upycling bezeichnen. Doch das würde den Möbeln so gar nicht gerecht werden. Denn es sind keine Gummistiefel oder Kaffeebecher die jetzt als Blumenbehälter herhalten müssen, weil man keinen Müll produzieren will. Die Stühle, die so vertraut daher kommen in ihren schönen dreißiger, vierziger, fünfziger, sechziger und siebziger Jahre-Formen haben jetzt etwas Fremdes und Neues und deshalb Hinsehenswertes.

Staab dazu: „Ich möchte etwas, das Unbeachtet war, einen Wert verleihen, etwas Alltäglichem helfen, Beachtung zu erlangen.“ Und das stimmt ja auch: Denn es gibt wahrscheinlich kein selbstverständlicheres Möbel als den Stuhl. Überall steht einer, doch wer erinnert sich schon, wie er aussah. Es muss dann schon ein Eames sein und der Betrachter ein Design-Kenner, ansonsten aber sind Stühle Möbel, auf denen man sitzt – bei Freunden, in Restaurants, Cafés, Bars, Schrebergärten, Hotels.

Objekte, beinah wie Readymades, inszeniert als Stillleben, zieren eine Wand in Staabs Atelier

Staabs Möbel: Objekte einer neuen Zeit

Staabs Stühle aber fordern Beachtung ein. Sie sind jetzt Blickfang und es sind nicht bloß die farbigen Flächen, die das Auge als markanten Reiz wahrnimmt. Die Formen dieser unterschiedlichen Stühle treten jetzt ganz deutlich hervor. Und auch das macht das Projekt so besonders: Die Stühle, die Staab bearbeitet, spiegeln den Variantenreichtum des Möbels auf ganz wunderbare Weise wieder. Und auch wenn er den Stühlen teils etwas wegnimmt oder etwas hinzufügt: die Stühle, Unikate jetzt, bleiben zeitlich einordnebar und sind gleichzeitig Objekte einer neuen Zeit.

Die Schönheit des Zufalls: In Staabs Atelier häufiger zu finden. Hier: eine schönes Arrangement in seiner Ateliers-Küche.

Stuhl-Design für mehr Nachhaltigkeit

Dass Staabs Arbeiten zu dieser Zeit so gut passen, wie der Deckel auf den Topf, ist Zufall. Aber vielleicht ist es auch so, dass die Kinder der Kriegskinder eben auch diesen Drang haben, manche wenigstens, alles verwerten zu müssen. Und dass das zu dieser Zeit passt. Der Klimakrise wegen. Und dass das so ist, dass Staabs Möbel zur Zeit so gut passen, gefällt ihm durchaus; für einige seiner Objekte verwendet er längst besonderen Bio-Violinienlack, ganz im Sinn der Nachhaltigkeit. Um das Besondere dieser Stühle, ihre Eigenheiten, noch stärker zu unterstreichen, arbeitet er seit Kurzem auch mit anderen Künstlern zusammen: Eine Schmuckdesignerin fertigt mit der Hand Kappen für eine Brettelstuhl-Reihe an, Teile von Stühlen werden außerdem galvanisiert und erhalten so eine entfremdende Oberfläche.

Der Künstler Markus Friedrich Staab sitzt auf einer Bank vor seinem Atelier in Frankfurt.

„Ich möchte den Aspekt des Craftmenship noch stärker herausarbeiten, das fasziniert mich“, erklärt er. Mit dem Thema ist er jedenfalls noch lange nicht durch. Er findet es gut, wenn man bei einer Sache bleibt und sie durchzieht. Die Stühle für seine Serien allerdings findet er schon lange nicht mehr auf den Straßen Frankfurts, er sucht sie gezielt in Auktionshäusern. Wenn Staab mit ihnen fertig ist, feiern sie ihr Comeback in Galerien und bei Liebhabern.

Die Objekte des Markus Friedrich Staab: http://www.markusfriedrichstaab.com/